“Ganz nett” …
… ist, wie man weiß, die kleine Schwester von „Scheiße“. Nun, so schlimm ist es nicht mit dem neuen Death-Cab-for-Cutie-Album Narrow Stairs. Aber dennoch will mir auch nach einigen CD-Durchgängen kein wesentlich euphorischeres Attribut einfallen.
Nicht selten ist es ja so, dass die Musik beim erstmaligen Hören nur ihre Oberfläche zeigt und sich der Tiefgang in den vielen kleinen Details versteckt, die sich noch nicht offenbart haben. Bislang hat das Narrow Stairs bei mir leider (noch) nicht geschafft. Aber von vorne.
Bixby Canyon Bridge fängt gut an: mit einer atmosphärisch-diffusen Gitarre, zu der sich schnell der Gesang mit tollem Text gesellt. Noch schöner wird es, wenn die Gitarre konkreter wird. Relativ bald wird das Lied lauter und steigert sich immer weiter – ein guter Start. Auch über I will possess your heart muss man nicht viele Worte verlieren. Ein 8-Minuten-Kaliber und wahrscheinlich eine der wenigen Single-Auskopplungen der Musikgeschichte, in denen erst nach ausgiebigen 4 Minuten der erste Gesang ertönt. Bis dahin baut sich das Lied, getragen von der markanten Basslinie, immer weiter auf, bis es dann schlagartig abfällt, um dem Gesang Platz zu machen. Wenn dieser einsetzt, haben wir den Zenith der Platte bereits hinter uns gelassen.
Es geht weiter mit No sunlight. Ein netter Pop-Song – nicht mehr und nicht weniger. Mehr müsste ja eigentlich auch nicht, aber ihren perfekten Pop-Song haben DCFC nun mal mit Soul meets Body bereits geschrieben. Deswegen können wir No sunlight recht schnell wieder vergessen. Ein bisschen mehr Euphorie kann ich bei Cath… entwicklen. Nicht ganz so locker-flockig, mehr Melancholie und (dadurch?) mehr Substanz.
Talking Bird, das fünfte Lied auf der Platte, schleppt sich ein wenig schwerfällig dahin. Ganz schön eigentlich … aber mit „ganz schön“ will ich mich bei dieser Band nur notfalls zufriedengeben, weil da mehr geht. You can do better than me schließlich klingt nach Weihnachtslied. Was soll das?
Grapevine Fires knüpft an Cath… an. Dies insofern, als dass es zwar einfach gehalten ist, aber die flockige Belanglosigkeit von No sunlight und You can do better than me ganz gut zu vermeiden weiß. Zum Ende hin kommt es ins Fließen und deutet kurz an, was auf diesem Album hätte möglich sein können. Als dezenter Negativkontrast schlendert Your new twin sized bed wieder etwas harmlos vor sich hin. Nicht wirklich übel, aber ein weiteres Mal keine Offenbarung. Long Division hat rhythmisch guten Vortrieb und ist – für DCFC-Verhältnisse – recht rockig. Zum wiederholten Male allerdings nur ein netter Song.
Mit Pity And Fear dann doch nochmal ein kleines Album-Highlight mit versteckter Schönheit, die sich allerdings nicht auf den ersten Blick erschließt. Der Song baut sich schön auf, wird schneller und lauter und führt durch ungewöhnliche Gesangsmelodiebögen in einen Instrumentalteil, der alles ein wenig aus den Fugen geraten zu lassen scheint und dann abrupt endet. Auch das letzte Lied The ice is getting thinner ist hörenswert. Sehr ruhig und zurückhaltend und immer wieder zulaufend auf den Kernsatz „And the ice kept getting thinner with every word that we’d speak“.
Das also ist Narrow Stairs. Vielleicht habe ich ein zweites Plans erwartet, und das konnte nur schiefgehen. Mag sein - aber trotzdem: wo sind wundervoll epische Stücke wie Different names for the same thing, das mich allein durch seine Dramaturgie (der Neuaufbau im Mittelteil – sagenhaft) aus den Latschen gehauen hat? Hm … na gut, I will possess your heart ist auch sehr episch. Und wie war das mit dem perfekten Pop-Song? Wo ist ein zweites Soul meets body? Nun, hier haben wir ja No Sunlight. Aber: wo sind Songperlen wie Your heart is an empty room, die so leicht sind und trotzdem so tief gehen? Okay, greifen wir hier halt auf Cath… oder Grapevine Fires zurück. Und der puristische Singer-Songwriter-Song wie I will follow you into the dark? Ertappt – den gibt’s auf Narrow Stairs tatsächlich nicht. Geschenkt.
Man merkt wohl, dass man Narrow Stairs nicht an Plans messen sollte. Wenn man das beherzigt, ist das neue Album von Death Cab for Cutie vielleicht sogar mehr als nur „ganz nett“.
Aus der Seele geschrieben?

Kommentar von SoFi
Montag (16. Juni 2008) @ 7:21
Falls Du, Torsten, mit “Wenn dieser (der Gesang von I will possess your heart) einsetzt, haben wir den Zenith der Platte bereits hinter uns gelassen.” meinst, dass Du den gesanglichen Teil dieses Liedes nicht mehr so gut findest, kann ich Dir nur zustimmen: Der instrumentale Teil baut sich toll auf. Der gasangliche beginnt zwar schön, doch wiederholt er am Ende zu oft und wird schnell langweilig.
(Und: Soul meets Body ist schon wirklich ein feines Lied. Und: I will follow you into the dark kann mich immer wieder ergreifen…)
Kommentar von Torsten
Dienstag (17. Juni 2008) @ 6:52
Ja, zum einen ist der ‘Aufbaupart’ von “I will possess your heart” besser als der anschließende Gesangspart. Vor allem aber ist an diesem Punkt der Zenith der ganzen (!) Platte bereits überschritten. Ich finde, danach kommt nix wirklich sensationelles mehr.